BILDERBUCHPREIS

 

+ Informationen zum Bilderbuchpreis

Der Hamburger Bilderbuchpreis wird alle zwei Jahre für ein zuvor nicht veröffentlichtes zeitgenössisches Buchkonzept ausgelobt. Das Preisgeld beträgt 12.000 Euro. Eine Auswahl der Einsendungen wird im Anschluss an die Preisverleihung in der Fabrik der Künste in einer Ausstellung präsentiert.

Zur Bewerbung um den Hamburger Bilderbuchpreis können unveröffentlichte Buchkonzepte eingereicht werden, bei denen im Schwerpunkt mit Bildern oder im Zusammenspiel von Bild und Text erzählt wird. Der Verein Neues Bilderbuch ehrt mit dem Preis Buchkünstler*innen, die durch ihre künstlerische Haltung überzeugen und vorbildliche Impulse für die Bilderbuchkunst vermitteln. Die unabhängige Jury wird durch den Verein Neues Bilderbuch benannt.

Die Veröffentlichung eines auf der Grundlage des prämierten Werks entwickelten Bilderbuchs erfolgt durch den Carlsen Verlag.

 

Preisträger

 

 

+ Filmbericht 2021

 

 

Shortlist

 

+ Bericht der Jury 2021

Die Jury für den Hamburger Bilderbuchpreis 2021
– Dieter Böge, Künstlerischer Leiter des Vereins Neues Bilderbuch (Vorsitz)
– Prof. Martin tom Dieck, Folkwang Universität der Künste, Essen
– Anjuscha Gabain, Lektorin des Carlsen Verlags
– Dr. Dagmar Gaußmann, Leiterin des Kinderbuchhauses im Altonaer Museum
– Elsa Klever, Illustratorin
– Professor Yirmi Pinkus, Shenkar College for Design, Tel Aviv
– Annika Siems, Vorsitzende der Illustratorenorganisation IO

Jurybericht – aus der Rede des Juryvorsitzenden zur Preisverleihung am 18. Juni 2021

Der erste Arbeitstag der Jury war der stillste.
Wir mussten uns zunächst einen Überblick verschaffen. Jede und jeder für sich haben wir uns mit über tausend Zeichnungen vertraut gemacht und vorsichtig angefangen, die Illustrationen kennen zu lernen, zu verstehen und zu vergleichen.
Am ersten Tag bestand die Aufgabe darin, 50 Bewerbungen auszuwählen, die für unsere Ausstellung in der Fabrik der Künste und für die Online-Präsentation in Frage kamen. Es sind dann ungefähr 60 geworden.
In erster Linie ging es dabei um die Bilder. Jedes Jurymitglied konnte seine Favoriten mit pinkfarbenen Stickern markieren. Damit waren sie eine Runde weiter. Es gab leise Gespräche, Sticker wurden aufgeklebt und wieder abgezogen, woanders aufgeklebt und dann doch wieder dort, wo sie zuerst waren, aber am Ende waren wir uns irgendwie einig und ein bisschen erschöpft.
Einig waren wir uns auch darüber, dass wir eine ganze Reihe durchaus respektabler Entwürfe nicht markiert hatten. Häufig lag der Grund darin, dass die Bilder auf eine zu konventionelle Art niedlich wirkten oder dass die Jury in ihnen nicht die künstlerische Eigenständigkeit erkennen konnte, die den Hamburger Bilderbuchpreis kennzeichnen soll.

Die Auswahl der Shortlist war das Etappenziel des zweiten Tages.
Die Gespräche wurden jetzt lebhafter geführt, Vorlieben wurden ausgetauscht und Kriterien diskutiert. Wieder ging es hauptsächlich um die Bilder, aber zunehmend kamen auch die Buchkonzepte zur Sprache.
Welche erzählerischen Strategien sind mit den Illustrationen und mit den unterschiedlichen Darstellungsformen verknüpft?
Welche Geschichten stecken in den Bildern und auf welche Weise sollen sie in den Büchern erzählt werden?
Einige sehr schöne Zeichnungen, die bis jetzt vielleicht zu den Favoriten der Jury gezählt hatten, haben diese kritische Phase nicht überstanden. Sie konnten nicht in die Shortlist gewählt werden, weil es kein überzeugendes Buchkonzept für sie gab. Stattdessen gab es ratlose Gesichter, weil alle Jurymitglieder einigermaßen bildverliebt sind und sich nur ungern von der einen oder anderen tollen Zeichnung verabschieden wollten –  die schönen Bilder! Aber es nützte nichts, denn die Jury wollte ja über einen Bilder-Buch-Preis entscheiden.

Die Nominierungen
Bei den zehn Büchern, die ich nun vorstellen möchte, sind intensive Illustrationen mit eigenwilligen und klugen Konzepten verbunden und darum stehen sie auf der Shortlist für den Hamburger Bilderbuchpreis 2021.

IM OSTEN DER SENF, IM WESTEN DIE KOHLE von Luise Bornkessel
Das Buch hat die Jury überzeugt, weil die eindringlichen Buntstiftzeichnungen, die Geschichte und die Buchgestaltung – inklusive einer Landkarte im Buchdeckel – untrennbar miteinander verbunden sind. Die Jurorin Dr. Dagmar Gaußmann schreibt: Neben den vielen virtuosen Einreichungen, die wir aussortieren mussten, weil es zwar Virtuosität des zeichnerischen Könnens, aber keine Geschichte zu den Bildern gab, fällt Luise Bornkessels Beitrag durch ambitionierte Gestaltung des Mediums Buch, durch zeichnerisches Können und eine große Lust am Erzählen auf. Ihre, die Erzählung des Großvaters, erhält durch Luise Bornkessels Arbeit im Medium des Bilderbuchs eine passende Bühne.“

OHNE ZU FRAGEN von Hannah Brückner
Mit einem reduzierten Farbspektrum eröffnet das Buch in seinem sehr breiten Format eine eigene Welt“, findet Anjuscha Gabain, die für den Carlsen Verlag zur Jury gehört. „Ein Kind macht sich auf den Weg, einfach so, ohne zu fragen. Im gelb kolorierten Zuhause wundert sich noch das Haustier, aber Juri ist schon losgelaufen. Die in zartem Gelb, Blau oder Lila, kontrastiert mit Schwarz, gehaltenen Bilder zeigen die Entdeckungen des Kindes. Dabei wird das breite Format immer neu inszeniert: wir sehen den Weg, den das Kind über ein Dach nimmt, einen gewundenen Tunnel, dessen Länge Platz bietet für verschiedene Tiere und Fundstücke oder auch die „lange Oma“, die die gesamte Breite braucht, um aufs Bild zu passen.“

WASSER von Ånsken Eckart
Anjusch Gabain schreibt: „In ruhigen, flächigen Bildern spielt Ånsken Eckert mit der Struktur. Eine Holzmaserung oder ein Karopapier sind die Grundlage. Im Spiel der Strukturen wird Karo zu Kachel und Holz zu Wasser, zu Sand, zu einem Abendhimmel. Verschiedene Strukturen liegen übereinander, mit einigen hineingemalten Linien oder Figuren ergibt sich ein Schwimmbecken oder ein See.“ Die „schöne Farbstimmung und eine beinahe poetische Atmosphäre“ lobt auch Annika Siems, die Vorsitzende der Illustratorenorganisation.
„WASSER“ ist ein Wettbewerbsbeitrag, der sich nicht nur an Kinder richtet und der das ästhetische Spektrum des Sachbilderbuchs feinsinnig bereichert.

BOA, WAS FÜR EIN FAHRRAD von Caspar David Engstfeld
Professor Martin tom Dieck schreibt: „Das Buch ist ein druckvoller kleiner Exkurs über Kreativität. Ausgehend von der dringlichen Frage eines oder einer Jugendlichen – was ist ein „cooles Fahrrad“? – portraitiert die Handlung ein städtisches Soziotop von Nerds, die von der zentralen Figur auf der Suche nach Inspiration und Hilfe konsultiert werden. Doch nicht das Fahrrad ist hier eigentlich Thema. Erzählt wird vielmehr von einer Energie, einer Selbstverständlichkeit jugendlicher Kreativität, von Nachbarschaft und Eigenbrötlern und von Dingen, die wichtig sein können, auch wenn man sie nicht gänzlich versteht. Erzählt wird zudem in einer gar nicht wohldosierten, aber zugleich sehr formbewussten Sprache der Begeisterung, die als eine etwas übersteuert wirkende, bunte Grafik über die Doppelseiten rotiert – ein Buch als Energiebündel.“

ICH BIN DOCH EIN LÖWE von Einikö Gömöri
Das Buch erzählt von einem Kind, das in seiner Phantasie im Laufe eines Tages verschieden Identitäten annimmt. “Das Buch ist konstruiert als eine sich wiederholende Abfolge von Doppelseiten. Auf der linken Seite sehen wir jeweils eine komplexe Illustration, die eine realistische Situation darstellt. Dieser stellt die Illustratorin rechts das kraftvolle, minimalistische Porträt eines einzelnen Tieres gegenüber, das wie ein Poster wirkt und assoziativ aus der vorhergehenden Illustration resultiert. Die Bildsprache ist einfach, kühn und originell und das Farbschema vermittelt eine authentische Lebensfreude. Die klaren Kompositionen sorgen dafür, das man den erzählerischen Bezug zwischen den beiden Bildhälften nie aus dem Blick verliert.”, erklärt Professor Yirmi Pinkus die Entscheidung der Jury.

THE ME THAT DRAWS von Jahyun Kim
„The me that draws“ verrät schon im Titel, dass wir es mit einem betont persönlichen und vielleicht poetischen Bilderbuch zu tun haben. Die koreanische Zeichnerin beschreibt ihr Londoner Exil in einfachen Wasserfarbenbildern und notiert dazu ihre Empfindungen über Fremdheit und Vertrautheit in der für sie neuen Stadt, die vorübergehend ihr Zuhause ist. Die kurzen, zwiespältigen Gedanken verleihen den schlichten, getuschten Beobachtungen von Straßen, Häuser und Leuten eine überraschend fremde und manchmal vorsichtig ironische Perspektive. Das Gras und die Bäume sind grün, der Himmel ist graublau, wenn es regnet, genau wie die Tauben. Sie mag die Dinge, die sie zeichnet in der unvertrauten Stadt, gesteht die Künstlerin am Ende, aber am besten gefällt ihr überall the me that draws.

LUIS PLAN von Eilika Mühlenberg
Zu der Geschichte um einen selbstgemalten Stadtplan schreibt Dr. Dagmar Gaußmann: „Lui möchte sich seinen Weg und damit seinen Plan von der Stadt selber aufzeichnen. Auf Papier mit Stift. Selber. Die kindliche Sicht auf die Topographie einer Stadt, der kindliche Ausschnitt daraus sieht ja auch so ganz anders aus als das, wonach Erwachsene sich orientieren: Womöglich nach analogen Stadtplänen, die Mühlenberg collageartig immer wieder als gestalterisches Mittel einsetzt oder eben, wie Luis Vater es anbietet, digital, per Handy-App.
Lui macht es anders: Er malt, zeichnet, markiert nach seinen bisherigen Erfahrungen. Und dann geht es los: Seine Fahrt mit dem Roller, mit Helm, Brille und Plan, durch seine Stadt, erleben wir nun mit.“ „Eine schöne Geschichte und ein zauberhafter Plan, den der kleine Lui sich da zeichnet“, findet auch Elsa Klever.

ACH, DIESE MENSCHEN von Miro Poferl
Ein kleiner Vogel freundet sich mit einem Menschenkind an und seine Vogeleltern erklären ihm besorgt, dass Menschen, seit sie auf der Welt sind, eine eher bedenkliche Gesellschaft sind.
Die stilistischen Vorzüge der Illustrationen beschreibt die Jurorin Elsa Klever: „Ich mag sehr, wie Miro Poferl in einfachen, plakativen Formen ganze Städte und weltgeschichtliche Szenarien collagiert. Ihre Collagen haben eine schöne, reduzierte Farbigkeit und etwas wunderbar Naives. Trotzdem gibt es in den unterschiedlichsten Texturen, Formen und Details jede Menge zu entdecken. So schafft sie es, in ihren Illustrationen reduziert und „wimmelig“ zugleich zu sein.“ Am Ende des Buches laden die einfachen Formen und linearen Zeichnungen die Leser*innen dazu ein, an dafür vorgesehenen Stellen selbst in das Buch zu zeichnen.

THE RAINMAKER von Xiyu Tomorrow (Text: Lubi Barre)
Professor Martin tom Dieck beschreibt „The Rainmaker“ als ein Märchen in dunklem Gewand. „Es erzählt von einer ökologischen Not, deren Wendung nur über einen Umweg möglich wird. Dieser Umweg erzählt eine Kolonialgeschichte unter umgekehrten Vorzeichen – eine postkoloniale Fantasie. Das Werk weist sich in Anmutung und Tonfall jedoch nicht direkt als ein bestimmtes Genre aus. Es öffnet damit verschiedene Assoziationsräume und wirkt durch diese Dehnung umso eindringlicher. Die Materialität und Finesse der Tuschezeichnungen im Modus eines magischen Realismus und das ausdrucksvolle Lettering bilden ein sequenzielles Tableau, auf dem diese Geschichte in ihrem selbstbewussten wie unprätentiösen Duktus zu erhellenden, weitreichenden Perspektivwechseln einlädt.“

SPINNE SPIELT KLAVIER von Benjamin Gottwald
„Spinne spielt Klavier“ ist ein Bilderbuch, das ganz ohne Text auskommt. Trotzdem kann man es beim besten Willen nicht als still bezeichnen.
Auf hundertvierzig stark farbigen Seiten sind darin Dinge, Situationen und Figuren zu sehen, die Geräusche verursachen. Einige Geräusche sind unüberhörbar und man kann sich leicht vorstellen, wie es klingt, wenn jemand beispielsweise gegen eine Wand klopft oder niest. – Man sieht das Bild und hört das vertraute Geräusch.
Andere Töne sind leiser oder seltener und man hat sie nicht sofort im Ohr, sodass man unwillkürlich versucht ist, das Zischen eines kaputten Fahrradreifens und das Züngeln einer Schlange nachzumachen, um sie miteinander zu vergleichen. Auch in der Jury kam es bei verschiedenen Abbildungen zu mehr oder weniger zaghaften Versuchen.
Auf diese Weise kann das Buch sowohl für einigen Krach beim Kindergeburtstag sorgen als auch, wenn man vielleicht mit den Bildern allein ist, das Bewusstsein der Leser*innen für feine Unterschiede von Geräuschen und sehr leise Töne schärfen.
Benjamin Gottwald gelingen Bilder, die über die Augen die Ohren erreichen und zwischen den Ohren, je länger man schaut, die akustische Wahrnehmung beleben. Ganz ohne Worte.
Es gibt in diesem Buch Doppelseiten mit Gegenüberstellungen von Geräuschen, mit Erzählzusammenhängen und es gibt Bilder, bei denen man auf den ersten Blick nicht sicher sagen kann, was da wohl zu hören ist.
Wie hört es sich an, wenn ein Hirsch zwei Spaziergänger im Wald heimlich beobachtet? Oder wenn ein Papierflieger über eine Doppelseite zischt? Man merkt schon, man möchte es versuchen.

Der Hauptpreis
„Dieses Buch macht einfach Freude“, schreibt Elsa Klever über SPINNE SPIELT KLAVIER. „Ein Buch, das ich mir kaufen würde. Ein Buch, von dem ich mir wünsche, dass es existiert.“
Das war am letzten Tag deutlich bei allen Jurymitgliedern zu spüren. Wir haben uns drei Tage lang sachkundig bemüht, die unterschiedlichen Eigenschaften von Illustrationen und Bilderbuchkonzepten zu beschreiben und die Qualitäten abzuwägen, aber am Ende haben wir ein Buch gesucht, das wir selbst gerne in der Hand halten würden.
Das kluge, vielschichtige und originelle Konzept dieses Bilderbuchs, die lebendigen, souveränen und lustigen Zeichnungen sowie die ausdrucksvolle Farbigkeit haben die Jury einhellig begeistert.
Die Entscheidung ist einstimmig gefallen.
Der Verein Neues Bilderbuch verleiht den Hamburger Bilderbuchpreis 2021 mit einem feierlichen Tusch an Benjamin Gottwald für sein Bilderbuchkonzept SPINNE SPIELT KLAVIER.

siehe Shortlist

 

Ausgewählte Einsendungen

 

 


Der Verein NEUES BILDERBUCH bedankt sich bei der Jury und bei allen Teilnehmer*innen des Wettbewerbs. Wir danken dem Kultursenator der Stadt Hamburg für die Schirmherrschaft in diesem Jahr und freuen uns auf den HAMBURGER BILDERBUCHPREIS 2023!